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Liebe Leserin, lieber Leser

Der Begriff «Anreiz» dominiert und polarisiert in der Debatte um die Sozialhilfe. Auch in der Medienmitteilung des Regierungsrates des Kantons Bern vom 3. Januar 2017 wird der Begriff «Anreiz» in zwei unterschiedlichen Argumentationskonstrukten verwendet. Einerseits soll mit einer Senkung des Grundbedarfs um 10 Prozent «eine lebenslange Sozialhilfeabhängigkeit vermieden» werden. 

Andererseits soll die wirtschaftliche Integration dadurch gefördert werden, dass die bisherigen Kürzungen der Integrationszulage sowie des Einkommensfreibetrags aufgehoben und auf das Maximum der SKOS-Richtlinien erhöht werden. Im ersten Fall besteht der Anreiz in einer Reduktion, im zweiten Fall in einer Erhöhung der finanziellen Mittel. Beide Konstrukte sind in der Wissenschaft bekannt und werden seit Jahrzehnten durch die Psychologie erforscht. 

Eindeutig sind die Befunde zum zweiten Konstrukt: Eine Belohnung motiviert Menschen in der Regel zur Wiederholung oder Intensivierung eines Verhaltens. Zusätzliches Geld in Form eines Geschenkes oder eines Bonus’ erleben sowohl Kinder als auch Erwachsene als Zeichen der persönlichen Wertschätzung, es dient der Befriedigung materieller Bedürfnisse. Ambivalent sind die Forschungsergebnisse zum ersten Konstrukt, einem Anreiz durch Reduktion der finanziellen Mittel. 

Es ist bekannt, dass Lebewesen versuchen, negativ erlebte Situationen zu beenden oder zu vermeiden: Aus der Sozialhilfeforschung wissen wir denn auch, dass viele Klientinnen und Klienten das Leben am sozialen Existenzminimum negativ erleben und Mittel und Wege suchen, wirtschaftlich selbständig zu sein. 

Allerdings zeigt die Forschung auch, dass als negativ wahrgenommene Reize wie die Reduktion von finanziellen Mitteln als Bestrafung oder Unterdrückung wahrgenommen werden und doppelt negative Wirkungen haben können: Sie reduzieren die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines erwünschten Verhaltens nicht nur, sondern greifen in die Selbstregulation der Menschen ein, beschädigen das Selbstwirksamkeitskonzept und lösen negative Gefühle wie Angst, Scham oder Wut aus. 

Anders gesagt: Es besteht berechtigter Grund zur Annahme, dass eine Reduktion des Grundbedarfs in der Sozialhilfe die betroffenen Menschen nicht wie erhofft stärken und motivieren, sondern weiter schwächen und schädigen wird.

Prof. Dr. Martin Wild
Leiter Abteilung Weiterbildung, Dienstleistung, Forschung

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