Liebe Leserin, lieber Leser

Auf den nächsten Seiten finden Sie viele aussergewöhnliche Fotografien aus dem Westen der Stadt Bern. Inspiriert von diesen Bildern setzte ich mich mittags auf die Bank einer Tramhaltestelle, um das Leben auf dem Europaplatz zu beobachten.

Die Leute sind unterwegs, zu Fuss, im Auto, auf dem Velo; die meisten fahren vorbei; einige gehen in den angrenzenden Supermarktfilialen ein und aus; andere setzen sich ins Strassencafé. Zeitlich im Takt kommen und gehen die Strassenbahnen. Architektonisch kollidieren unterschiedliche Baustile: Die Autobahnbrücke aus den 1970er-Jahren dominiert sehr stark; im Blickfeld stehen ein paar bald hundertjährige Wohnhäuser; drei klotzige Neubauten grenzen den Platz ab.

Ich komme ins Grübeln: Verdient der Ort seinen Namen? Mit «Europaplatz» verbinde ich mehr Grösse und mehr Ausblick – vielleicht auf ein repräsentatives Gebäude oder ein monumentales Denkmal. Was ich hier beobachte, ergibt keinen «kontinentalen» Sinn. Es ist pures Alltagsgeschehen.

Wenn Sie weiterblättern, finden Sie Bilder, die unsere Studierenden im Modul Sozialfotografie aufgenommen haben. Die Studierenden erklären dazu, die fotografische Auseinandersetzung habe ihnen die Augen geöffnet für die Bedeutung von Orten und Plätzen, die auf den ersten Blick gewöhnlich erscheinen würden. Schritt für Schritt würden Bewohnerinnen und Passanten den Raum nutzen, Spuren hinterlassen, ihn gestalten. So kann sich Raum mit Sinn füllen. So wird vielleicht der Europaplatz ein Ort, der seinem Namen gerecht wird.

Ein Sinnvakuum finden wir am Europaplatz sowieso nicht. Denn an der Adresse Europaplatz 1 befindet sich das europaweit einzigartige Haus der Religionen. Communities aller Weltreligionen stehen hier im Dialog. Zum Innenleben dieser Sinnwerkstatt finden Sie ebenfalls einen Beitrag auf den nächsten Seiten.

Das Erschliessen von Sinnhaftigkeit ist eine Aufgabe, die sich Menschen individuell und kollektiv stellt. Am Europaplatz manifestiert sich diese Herausforderung mehrfach: Zum einen in der Leere, die der Platz (noch) darstellt und als Gegensatz dazu im Sinnlaboratorium des Hauses der Religionen. Mit beiden Herausforderungen hat die Soziale Arbeit zu tun, sagen uns die Beiträge dieses Hefts.

Doch welches sind die Orientierungspunkte der Sozialen Arbeit, wenn es darum geht, mit Menschen Sinnhaftigkeit zu generieren? Sicher die Menschenrechte; wohl auch wissenschaftliche Erkenntnisse; oder auch religiöse Ethik? Ich weiss es nicht genau und sowieso nicht abschliessend.

Prof. Dr. Dieter Haller
Programmleiter MSc Soziale Arbeit
dieter.hallernoSpam@bfh.ch