Soziale Arbeit und Social Media

07.10.2013

Im April hat die Geschäftsstelle sozialinfo.ch einen Leitfaden zum Thema «Soziale Arbeit & Social Media» publiziert – ein Thema, mit welchem viele soziale Organisationen noch nicht in Berührung gekommen sind. Was hat sich seit der Publikation getan? Barbara Beringer, Geschäftsleiterin von sozialinfo.ch, berichtet im Interview über das Echo aus der Praxis.

Frau Beringer, Ihr Leitfaden «Soziale Arbeit & Social Media» ist Anfang April erschienen: Stösst das Thema Social Media in der Praxis der Sozialen Arbeit auf Interesse? 

Barbara Beringer: Vor der Publikation des Leitfadens gingen wir davon aus, dass es in der Praxis der Sozialen Arbeit ein Bedürfnis ist, mehr über das Thema Social Media zu wissen. Bisher war das Echo aber kleiner als erwartet. Ich nehme an, dass grundsätzliche Berührungsängste da sind, zudem sind die Fachpersonen und Institutionen der Sozialen Arbeit im beruflichen Alltag vermutlich noch mit anderen Problemen belastet, so dass sie bis jetzt gar nicht gross in das Thema einsteigen konnten. 

Zudem müssen die verschiedenen Praxisfelder unterschieden werden: Die Jugendarbeit ist bezüglich Social Media viel weiter als etwa die gesetzliche Sozialarbeit. Für die Jugendarbeit sind die Inhalte des Leitfadens nichts Neues. Mit den Jugendlichen wird heute bereits  viel auf Ebene Social Media zusammengearbeitet. Dennoch habe ich die Vermutung, dass z.B. bezüglich Privatsphäre zum Teil noch keine klare Haltung und Empfehlung existiert, was man kann und sollte. Es wird einfach irgendwie gemacht und unterschiedlich gehandhabt. In der gesetzlichen Sozialen Arbeit und im Kindes- und Erwachsenenschutz sind auf institutioneller Ebene wohl noch gar keine Erfahrungen gemacht worden. Dort wird es ebenso Nachholbedarf geben wie bei Wohn-Institutionen und in der Arbeit mit körperlich, sozial und/oder psychisch eingeschränkten Menschen. Ich finde es grundsätzlich gar nicht so schlecht, wenn seitens der Sozialen Arbeit Berührungsängste da sind. Aus meiner Sicht ist es tatsächlich nicht einfach gegeben, wie man im beruflichen Kontext mit Social Media umgehen soll. Man muss sich gut überlegen, was man damit bezwecken will, sei das privat, beruflich oder als Institution. 

Welches Echo aus der Praxis haben Sie auf die Publikation des Leitfadens hin erhalten? 

Wir haben zwar – wie gesagt – weniger Rückmeldungen erhalten als erwartet, aber dafür qualifizierte. Man hat gemerkt, die Leute haben den Leitfaden studiert und sich damit auseinandergesetzt. Sie fanden, der Leitfaden sei eine gute Basis, um sich inspirieren zu lassen und um zu prüfen, wo man steht.

Ich gehe davon aus, dass das Interesse der Institutionen in der Sozialen Arbeit – sozusagen gezwungenermassen – wachsen wird. Im Gegensatz zum Social-Media-Engagement von grossen Unternehmen, inkl. Verwaltungen und Verbänden steht die Soziale Arbeit noch ganz am Anfang. Dies zeigt auch unsere statistische Erhebung im Online-Branchenbuch von sozialinfo.ch (Jahresbericht 2012, Seite 6) und der Vergleich mit der Bernet-Studie vom April 2013.

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft: Welche Rolle werden Social Media in der Sozialen Arbeit in der Schweiz in fünf bis zehn Jahren spielen? 

Das ist eine ganz schwierige Frage  und die technische Entwicklung ist rasant. Ich glaube, wir haben noch gar nicht richtig realisiert, dass wir uns mitten in einer Revolution befinden, so wie auch die Industrialisierung eine war. In den nächsten Jahren werden sich die Kommunikation und unser Kommunikationsverhalten grundlegend verändern.  Im rechtlichen Bereich, also im Datenschutz und im Persönlichkeitsschutz gibt es Aufholbedarf. Das Bewegen in verschiedenen virtuellen Räumen wird einfacher und für alle selbstverständlich. Für körperlich eingeschränkte Menschen beispielsweise ist dies ein grosser Gewinn.

Für Menschen mit unzureichender Medienkompetenz ist sofort der eigene Schutz problematisch, v.a. wenn in der virtuellen Welt nach einer Ersatzwelt gesucht wird.  Bereits heute bewegen sich Klientinnen und Klienten der Sozialen Arbeit in den Sozialen Medien, v.a. auf Facebook. Gerade hier müssen aber innerhalb der Applikation Einstellungen vorgenommen und Vorsichtsmassnahmen bezüglich Persönlichkeitsschutz befolgt werden, damit die Integrität der eigenen Person gewahrt werden kann. Ich befürchte, dass diese Vorsichtsmassnahmen nicht von allen getroffen werden und sich illegale Handlungen zunehmend in die virtuelle Welt verlagern werden. Dabei gehe ich davon aus, dass die Klientschaft der Sozialen Arbeit ganz besonders betroffen sein wird.

In diesem Kontext ist mir wichtig zu betonen, dass sich Fachpersonen der Sozialen Arbeit unbedingt eine gute Medienkompetenz aneignen müssen um die Probleme überhaupt erkennen zu können. Zudem sind Institutionen gefordert, Regeln zum Umgang mit Social Media zu erstellen und Richtlinien für Mitarbeitende zu erlassen. Dabei geht es um den Schutz aller; der Klientschaft, der Fachleute der Sozialen Arbeit aber auch der Institutionen im Sozialbereich.

Wir werden bei sozialinfo.ch auf jeden Fall am Thema dranbleiben – sei es aus technischer, gesellschaftspolitischer oder institutioneller Perspektive. Unser Leitfaden war ein Anfang. Nun möchten wir beobachten, was die Praxis damit macht und welche Fragen sich stellen werden.

Blog zum Thema Social Media

Barbara Beringer, Geschäftsleiterin sozialinfo.ch und Mutter zweier erwachsener Kinder, die ihr nebst den Gefahren vor allem auch die Chancen und Möglichkeiten von Social Media aufgezeigt haben.

Der Leitfaden kann in der Edition Soziothek für CHF 20.– bestellt oder für CHF 14.– als PDF-Datei heruntergeladen werden.
Lesen Sie auch die Rezension aus «impuls» 3/2013.