Entlastung der Schulen durch Schulsozialarbeit? Ja, aber…

02.10.2017

Die Schulsozialarbeit ist ein relativ junges Handlungsfeld in der Kinder- und Jugendhilfe, gilt aber weithin als etabliert. Im Wissenschaftscafé Bern der Stiftung Science et Cité Anfang September sprachen unter anderem BFH-Dozent Daniel Iseli und die Leiterin der Stadtberner Schulsozialarbeit, Sandra Geissler, über eine zentrale, aber in gewisser Hinsicht inkorrekte Erwartung an die Schulsozialarbeit.

Schulsozialarbeit ist in der Deutschschweiz inzwischen flächendeckend eingeführt. An den Schulen der verschiedenen Kantone arbeiten heute rund 900 Sozialarbeitende in diesem Berufsfeld. Eine verbreitete Erwartung an die Schulsozialarbeit ist, dass sie Lehrpersonen und Schulleitungen entlastet: indem sie möglichst früh Gefährdungen bei den Schülerinnen und Schülern erkennt und reagiert. Die Gäste auf dem Podium des Wissenschaftscafés diskutierten, ob die Schulsozialarbeit dieser Erwartung entsprechen kann. Sie waren sich einig, dass Entlastung möglich ist, allerdings nur mit vereinten Kräften: Schulleitungen und Lehrpersonen müssen mitwirken, damit Kinder und Jugendliche die Angebote der Schulsozialarbeit tatsächlich nutzen und sie präventiv wirksam ist.

Laut BFH-Dozent Daniel Iseli ist es gelungen, diese Zusammenarbeit verbindlich zu gestalten. Dies ist umso wichtiger, als die Schulsozialarbeit eine wichtige Brückenfunktion zwischen der Schule und dem Kindes- und Jugendschutz wahrnimmt. Die Entlastung ist aber gar nicht ihre Aufgabe, sondern der Treiber, die Schulsozialarbeit weiter zu etablieren. «Letztlich geht nichts ohne Lehrpersonen. Sie arbeiten mit den Kindern, das ist nicht delegierbar. Die Schulsozialarbeit kann nur den Problembearbeitungsteil übernehmen, nicht den schulischen Teil.» Iseli unterstrich, dass der direkte Kontakt zwischen Schulsozialarbeitenden und Lehrpersonen und die Qualität ihrer Zusammenarbeit entscheidend dafür sind, wie wirksam Schulsozialarbeit sein kann. Dies gelte insbesondere für die unteren Stufen, also ab dem Kindergarten bis zur vierten Klasse.

Die Leiterin der Stadtberner Schulsozialarbeit, Sandra Geissler, sieht die Entlastung der Schulen vor allem darin, dass sich die Lehrpersonen besser unterstützt fühlen. Denn in der Zusammenarbeit mit den Schulsozialarbeitenden erlangen sie mehr Wissen und Handlungssicherheit im Umgang mit möglicherweise gefährdeten Schülerinnen und Schülern. Weil diese Kooperationen mit den Lehrpersonen aber immer erst entwickelt werden müssen, gibt es Entlastung nicht unbedingt in zeitlicher Hinsicht. Geissler betonte dabei, dass Sozialarbeitende Fachleute für die Vermittlung von Hilfe und Unterstützung und sehr kooperationsfähig sind. «Es ist gut investiertes Geld. Alles, was vor Ort gelöst werden kann, ist in der Regel kostengünstiger. Für die Gesellschaft birgt sie grosses Sparpotenzial». Damit die knappen Ressourcen denjenigen Schülerinnen und Schülern zugutekommen, denen die Schulsozialarbeit wirksam helfen kann, «müssen wir dafür sorgen, dass diejenigen, die Schulsozialarbeit brauchen, sie auch frühzeitig bekommen.»

Das Wissenschaftscafé Bern von Science et Cité fand am 4. September 2017 in der Orell Füssli Buchhandlung im Loeb statt.