«Dieser Austausch hat mir Spass gemacht!»

11.12.2017

Die Gastdozentin Valerie Miesch hatte sich viel zugemutet für das Herbstsemester 2017/18: Neben ihrer Anstellung bei der KESB hat sie die Herausforderung angenommen, an der BFH zu unterrichten. In ihrem Mail an Seitenwechsel-Partnerin Simone Münger schreibt sie, dass sie sich für diese Aufgabe mehr Zeit gewünscht hätte. 

Liebe Simone Münger

Vielen Dank für deine Ausführungen zum Thema digitales Lehren und Lernen. Ich finde diese sehr nachvollziehbar und würde persönlich auch dem fachlichen Inhalt den Vorrang geben vor einer Unterrichtsform, die allen neuen Lehr-Standards gerecht wird. Allerdings würde es mich wohl reizen, das eine oder andere digitale Element einzubauen und zu schauen, wie die Studierenden darauf reagieren. In unserer 24-Stunden-Gesellschaft wäre aber insbesondere für den Einsatz von Austauschplattformen zwischen den Studierenden und den Lehrenden ein ziemlich hohes Pensum nötig. Denn wie du richtig schreibst, erwarten die Studierenden heute, dass ihre Fragen möglichst rasch beantwortet werden.

So kommt es auch auf der KESB ab und zu vor, dass sich Studierende mit Fragen an uns wenden, welche sie im Gesetz oder in der Literatur problemlos selber hätten nachschlagen können. Offenbar geht es ihnen einfacher von der Hand, die zuständige Behörde ausfindig zu machen und eine E-Mail zu verfassen, als eine Bibliothek zu besuchen oder die Antwort in der Pflichtlektüre nachzuschlagen. Mir wäre es als Studentin nie in den Sinn gekommen, mich mit einer Frage an eine Behörde zu wenden. Da hätte ich viel eher die Professorin oder den Dozenten gefragt. Allerdings hat eine Anfrage an die Behörde auch ihre Vorteile: Es lassen sich damit Kontakte knüpfen und man erfährt vielleicht etwas aus der Praxis, was man in den Büchern nicht gefunden hätte.

Das unterschiedliche Vorgehen ist bestimmt eine Generationenfrage, wobei der diesbezügliche Schnitt wohl bei den sogenannten «Digital Natives» zu machen wäre. Ich mit meinem Jahrgang müsste eigentlich auch zu dieser Generation gezählt werden. Doch anscheinend bin ich eher «klassisch» sozialisiert worden, so dass es mir unheimlich erscheint, ständig online sein zu müssen und im Internet eine digitale Spur zu hinterlassen, die wahrscheinlich nie mehr gelöscht werden kann.

Überhaupt finde ich, dass es weder den Studierenden noch den Dozierenden dient, wenn sich die Dozierenden ohne entsprechende Motivation und Freude an neue Unterrichtsmethoden heranwagen. Wobei ein gewisses Anstossen seitens der Fachhochschule oder Universität sicher sinnvoll ist, denn dann werden die Dozierenden herausgefordert, sich auf neues Terrain zu begeben. Im bisherigen Trott zu bleiben, ist schliesslich immer gemütlicher und weniger gefährlich, als etwas Neues zu riskieren. Das habe ich nicht zuletzt bei der aktuellen Stellvertretung an der BFH gemerkt. Diese hat mich doch stärker gefordert als ursprünglich gedacht.

Dies ist nun der letzte Beitrag im Seitenwechsel. Ich werde fast ein wenig wehmütig, denn dieser Austausch hat mir Spass gemacht, auch wenn es nicht immer einfach war, in der jeweils kappen Zeit etwas Gehaltvolles zu schreiben. Der Einblick in die BFH war interessant. Dennoch antworte ich auf die in letzter Zeit von verschiedener Seite gestellte Frage, ob ich das noch einmal machen würde, klar mit «nein». Lediglich bei einem bedeutend tieferen Pensum auf der KESB käme ein nochmaliges Unterrichten im gleichen Umfang in Frage. Auch hier geht es also um die Höhe des Pensums und die zur Verfügung stehende Zeit – genau wie beim Thema digitales Lehren und Lernen.

Apropos Zeit: Du wirst ja noch ein wenig Zeit auf der KESB verbringen. Leider hat es sich bisher kaum ergeben, dass wir zusammen an einem Fall gearbeitet haben. Aber wer weiss, vielleicht haben wir in den kommenden Wochen doch noch Gelegenheit dazu? Ich würde mich jedenfalls darüber freuen.

Liebe Grüsse

Valerie Miesch


Seitenwechsel: Gelebter Austausch mit der Praxis

Valerie Miesch von der KESB der Stadt Bern schliesst mit diesem Beitrag den Mail-Austausch mit der BFH-Dozentin Simone Münger ab. Mehr über das Seitenwechsel-Tandem und die Erfahrungen im Herbstsemester lesen Sie im Frühling 2018 in unserer Fachzeitschrift Impuls.

Zwei Fachfrauen des Kindes- und Erwachsenenschutzes tauschen ihre Jobs. Die Dozentin Simone Münger taucht in die Klientenarbeit ein, gleichzeitig wechselt das Behördenmitglied Valerie Miesch an die Hochschule. In einem Mailwechsel schildern sie wöchentlich ihre Erfahrungen auf der andern Seite und Sie können exklusiv mitlesen auf soziale-arbeit.bfh.ch/seitenwechsel oder auf Twitter via #SW_KESB.