Berlin und die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession

02.10.2017

Eine genderneutrale Toilette, Studierende mit Babys im Seminar, Duzis und Diskussionen mit den Dozierenden: Bachelorstudentin Christina Winzeler zog es für ein Semester an die Alice Salomon Hochschule in Berlin (ASH), wo sie eine andere Kultur der Sozialen Arbeit kennenlernte. Im Interview erzählt sie, wie sie die Unterschiede zwischen der BFH und der deutschen Partnerhochschule erlebt hat.

Christina Winzeler

Christina Winzeler, was hat Sie nach Berlin und an die Alice Salomon Hochschule gebracht?

Christina Winzeler: Vor drei Jahren war ich das erste Mal in Berlin und von der Stadt beflügelt. Dann erfuhr ich über Mitstudierende, dass es dort eine Schule für Soziale Arbeit gibt, die als sehr kritisch und politisch gilt. Im Bachelormodul «Soziale Bewegungen und Soziale Arbeit» war viel von der ASH und ihren systemkritischen Ansätzen die Rede. Ich wollte dorthin, um diese Themen zu vertiefen. Ausserdem bietet Berlin mit seinem soziokulturellen Umfeld auch ganz andere Stellen für Sozialarbeitende. Zum Beispiel arbeiten Praktikantinnen und Praktikanten der ASH mit Jugendlichen, die auf den Männerstrich gehen.

War es schwierig, für ein Studiensemester an die Alice Salomon Hochschule zu kommen?

Ich war erstaunt, wie einfach es ging. Ich habe ein einseitiges Formular ausgefüllt und beim International Office unseres Fachbereichs eingereicht. Etwa einen Monat später kam eine Mail, dass es klappt. Obwohl sich an der ASH pro Semester 900 Leute um einen von 200 Studienplätzen bewerben. Es ist ein Privileg und eine super Chance, als ausländische Studentin an eine so renommierte Schule gehen zu können.

Wie erlebten Sie Ihre erste Zeit in Berlin?

Es ist eine spezielle Erfahrung, in eine andere Welt katapultiert zu werden. Plötzlich ging ich auf der Strasse mit zehn in Kopftüchern verhüllten Frauen und fand mich selbst in der Rolle, mich fremd zu fühlen. Die Auseinandersetzung mit mir selbst war ein sehr interessanter Prozess. Auch mein Wohnquartier Neukölln war eine ganz neue Erfahrung. So viele obdachlose Menschen, so viel Leid. Das war am Anfang schwer zu tragen. Manchmal wünschte ich mich zurück in die idyllische Welt der Schweiz. Seit ich zurück bin, habe ich allerdings Mühe. Ich hatte das Vielfältige und die Anonymität einer Grossstadt zu lieben begonnen, weil es ganz viel Freiheit bringt, auch mir selbst.

Was zeichnet die Alice Salomon Hochschule in Ihren Augen aus?

Zum Beispiel wird das Thema Gender an der ASH sehr fortschrittlich gelebt. Eine All-Gender-Toilette ist dort selbstverständlich. Die meisten Studierenden und Dozierenden sprechen genderneutral. Die ASH verankert ganz viele Werte der Sozialen Arbeit wirklich in ihren Strukturen und lebt sie vor. Das zeigt sich zum Beispiel auch im Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden. Die meisten duzen sich und bringen sich gegenseitig grossen Respekt entgegen. Die Dozierenden fragen die Studierenden: «Was wollt ihr? Was bringt ihr für Themen?». Es gibt viel mehr Austausch und Diskussionen. Die ASH ist eine Institution, die kritische, politische Positionen formt und fördert. Viele Lernformen sind darauf abgestimmt, sich zu positionieren.

Alice Salomon Hochschule Berlin
© ASH Berlin

Junge Mütter oder Väter dürfen, damit sie studieren können, ihre Babys in die Seminare mitnehmen. Niemanden stört das. Es gibt noch viele andere Beispiele für die Strukturen, die die ASH nach ihren Werten ausrichtet. Es gibt Frauenbeauftragte und eine antirassistische Registerstelle. Die Dozierenden positionieren sich stark. Sexismus und Rassismus gehen gar nicht, auch nicht im Beratungsgespräch zwischen Sozialarbeitenden und Adressatinnen und Adressaten: «Wenn Sie bei mir in der Beratung sitzen wollen, dann bitte ich Sie, solche Aussagen zu unterlassen. Sonst berate ich Sie nicht.» Schliesslich hat die ASH meines Erachtens einen anderen Blick auf die Soziale Arbeit als Profession. Sie sieht sie als eine Menschenrechtsprofession, die dort agiert, wo die Rechte von Menschen verletzt werden.

Was könnten ASH-Studierende im Gegenzug von der BFH lernen, wenn sie für ein Semester hierher kämen?

Weil an der ASH so viel diskutiert wird, bleibt manchmal zu wenig Zeit, um Theoretisches in seiner Tiefe zu vermitteln. Ich habe gemerkt, dass ich teilweise mehr weiss als manche ASH-Studierenden, die mit ihrem Studium fast fertig sind. Vor allem wird das wissenschaftliche Arbeiten an der BFH viel stärker gefördert. An der ASH kann es passieren, dass man eine Bachelor-Thesis verfassen will, aber nicht wirklich weiss, wie man wissenschaftlich schreibt.

Wie fällt Ihr Fazit insgesamt aus?

Ich würde alle Studierenden ermutigen, für eine Horizonterweiterung ein Studien- oder Praxissemester im Ausland zu verbringen. Um zu schauen, wie dort die Soziale Arbeit funktioniert und die eigene Profession aus einem anderen Blickwinkel kennenzulernen. Aus der Idylle der Schweiz auszubrechen und in die Realitäten von anderen Ländern einzutauchen. Als angehende Sozialarbeiterin erachte ich es als wichtig, sich mit diesen Realitäten zu konfrontieren, damit in der Schweiz weitergedacht werden kann.

Zur Person:
Christina Winzeler hat im Februar 2015 den Bachelorstudiengang an der BFH Soziale Arbeit begonnen. Zuvor hat sie eine Lehre als Kauffrau absolviert, einige Jahre in diesem Beruf gearbeitet und die Berufsmaturität gemacht, um nach einem längeren Auslandsaufenthalt den Beruf zu wechseln.

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