BFH-Studie zeigt: Arbeitszufriedenheit in Sozialen Diensten ist relativ hoch

10.10.2016

Wie zufrieden sind Sozialdienstmitarbeitende mit ihrer Arbeitsstelle und was sind die Ursachen der hohen Fluktuation in Sozialen Diensten? Diesen Fragen ging vor kurzem eine Studie der BFH auf den Grund. Der Leiter der Studie, Roger Pfiffner, beleuchtete im Rahmen dieser Untersuchung die Arbeitszufriedenheit und Fluktuationsabsichten von mehreren hundert Mitarbeitenden. 

Welches sind die wichtigsten Resultate Ihrer Studie?

Roger Pfiffner: Die Ergebnisse zeigen, dass die durchschnittliche Arbeitszufriedenheit in Sozialen Diensten recht hoch ist. Die Sozialarbeitenden bewerten den Inhalt ihrer Tätigkeit, die Vielseitigkeit und Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit sowie die persönliche Herausforderung sehr positiv. Weniger zufrieden sind sie hingegen mit den organisatorischen Rahmenbedingungen, wie z.B. den Aufstiegsmöglichkeiten, dem Lohn und ihrer Work-Life-Balance. Auch der administrative Teil ihrer Arbeit wird als zu gross eingeschätzt. Eine klare Unzufriedenheit besteht hinsichtlich der gesellschaftlichen Anerkennung ihres Berufs. Anscheinend hat hier die kritische Berichterstattung über die Sozialhilfe Spuren hinterlassen.

Welchen Einfluss hat die Arbeitsbelastung?

Die Mitarbeitenden werden stark gefordert, besonders die Sozialarbeitenden. Nicht immer bleibt Zeit, um den Klientinnen und Klienten die Unterstützung zukommen zu lassen, die sie eigentlich bräuchten. Die absolute Fallbelastung hat aber keinen Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit. Was zählt, ist die subjektiv wahrgenommene Arbeitsbelastung. Die ist sehr unterschiedlich. 

Grundsätzlich können erfahrene Mitarbeitende mehr Klientinnen und Klienten beraten. Die Untersuchung liefert Hinweise darauf, dass Mitarbeitende mit wenig Berufserfahrung rasch viele Fälle übernehmen. Damit besteht die Gefahr, dass der Nachwuchs „verheizt“ wird.

Die Arbeitszufriedenheit ist relativ gross, die Fluktuation dennoch hoch. Wie lässt sich das erklären?

Soziale Dienste sind nicht generell von hoher Fluktuation betroffen. In unserer Studie haben wir die Fluktuationsabsichten von Mitarbeitenden gemessen und festgestellt, dass rund 14 Prozent der befragten Sozialarbeitenden ohne Führungsfunktionen eine starke Absicht haben, ihre Stelle demnächst zu kündigen. Das ist höher als beispielsweise bei den Sachbearbeitenden, aber nicht dramatisch. Allerdings gibt es bezüglich der Fluktuationsabsichten grosse Unterschiede zwischen den Organisationen, die teilweise durch die Arbeitszufriedenheit erklärt werden. In Sozialen Diensten mit hoher Arbeitszufriedenheit ist auch die Fluktuation tiefer.

Daneben gibt es personalstrukturelle Gründe, welche die Fluktuation in Sozialdiensten unabhängig von der Arbeitszufriedenheit erhöhen: Im Vergleich zu grösseren kantonalen Sozialverwaltungen beispielsweise sind die Mitarbeitenden in Sozialdiensten relativ jung. Sie sind mobiler als ältere Arbeitnehmende. Die meisten sind zwischen 30 und 39 Jahren und auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt. Bietet sich ihnen eine attraktive Chance, dann können sie ihre Stelle kündigen, obwohl sie mit ihrer Stelle ganz zufrieden sind. Hinzu kommt, dass drei Viertel aller Beschäftigten in Sozialen Diensten Frauen sind. Es ist immer noch so, dass sie bei Familiengründung häufiger als Männer ihr Arbeitspensum reduzieren, eine Pause machen oder sich ganz aus dem Arbeitsmarkt zurückziehen. Davon sind Sozialdienste mehr betroffen als Betriebe mit ausgewogenerem Geschlechterverhältnis.

Die Tatsache, dass kaum Mitarbeitende zehn und mehr Jahre in einem Sozialdienst beschäftigt bleiben, ist trotzdem bedenklich und muss in Zukunft genauer untersucht werden.

Was können Kaderleute tun, um die Arbeitszufriedenheit bei den Mitarbeitenden zu stärken?

Sozialarbeitende brauchen vor allem Unterstützung, wenn es bei der Arbeit schwierig wird. In heiklen Situationen müssen sie sich auf die ihnen direkt vorgesetzten Personen verlassen können. Für Sachbearbeitende ist wichtiger, dass sie konstruktive Rückmeldungen über ihre Arbeitsleistung erhalten und die Vorgesetzten klare Erwartungen formulieren. 

Der wichtigste Einflussfaktor auf die Arbeitszufriedenheit ist, dass die Mitarbeitenden das Gefühl haben, mit ihrer Arbeit etwas Wertvolles und Sinnvolles zu tun. Sozialdienstmitarbeitende wollen primär einen Beitrag für die Gesellschaft leisten und Klientinnen und Klienten bei der Überwindung schwieriger Lebenssituationen unterstützen. Das ist ihnen wichtiger als Verdienst und Arbeitsplatzsicherheit. Dass dies richtig und wichtig ist, sollte von den Vorgesetzten immer wieder betont und diese Überzeugung bei den Mitarbeitenden gezielt gefördert werden. Nicht zuletzt weil es von der Öffentlichkeit zurzeit wenig Wertschätzung für diese Arbeit gibt.

 

Roger Pfiffner ist ab 1. Januar 2017 am Fachbereich Soziale Arbeit als Dozent tätig. Er arbeitet seit mehreren Jahren als Forscher für die BFH. Seine Schwerpunkte sind unter anderem Schulsozialarbeit und Management / Organisationsentwicklung.