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Wo Licht ist, ist auch Schatten


Rund

Jedes zweite Bewerbungsschreiben schliesst mit der Phrase: «…rundet mein Profil ab» – ob das nun Sprachkenntnisse sind oder die Liebe zum Saxophon oder ein besonderes Flair für übermenschliche Herausforderungen. Unbekannt der sprachbegnadete Karrierecoach, dem wir diesen Textbaustein verdanken – aber ich mag abgerundete Profile gar nicht so. Eher die markanten, kantigen. Abgerundete Kanten sind doch das Gegenstück zu Profilen als Merkmal eigenständiger Persönlichkeiten, wie sie mein Interesse zu wecken vermögen. In Bern gab es eine Knabenerziehungsanstalt, die man im Volksmund «Löffelschlyfi» nannte: Was oben raussteht aus der Menge, wird abgeschliffen. Gilt das wirklich noch immer als zeitgemäss?

Scharf

Auf den Chefetagen, dort wo strategisch geredet und getextet wird, ist denn heute auch eher vom «Schärfen» die Rede: die Profile sind zu schärfen. Aber wird ein Profil dadurch unverkennbar, dass es «scharf» ist? Oder sollte uns das hier auf die Spur helfen: «Die inhaltliche Positionierung ist zu schärfen»? Zu einer «scharfen Position» fällt mir ein: ungemütliches Verweilen auf Messers Schneide. Bestenfalls eine Gratwanderung. Oder, ganz verwegen: die Position des Spanners um die Hausecke.

Das kann es kaum sein. Profil und Position sind nicht dasselbe. Vermutlich ein kleines sprachliches Missgeschick.

Spitz

Gar nicht beliebt ist im Gegensatz zum Abrunden und Schärfen das Zuspitzen. Wer polarisiert, macht sich in heutigen Zeiten nicht beliebt. Wer zuspitzt, wird  zurechtgewiesen und hat eine Weile zu schweigen. Dialektik war einmal. Licht und Schatten Ein Profil, will mir scheinen, lebt von der Hervorhebung bestimmter Züge –

Gesichtszüge, Wesenszüge, Charakterzüge. Das Flache ist unprofiliert, das Runde auch. Auch Schärfe macht noch kein Profil. Und wo etwas Hervortretendes unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht, tritt etwas anderes in den Hintergrund. Profil heisst auch Verzicht. Das macht Profilierung so anspruchsvoll.

Aber wo Licht ist, ist auch Schatten.

Prof. Johannes Schleicher
Leiter Fachbereich Soziale Arbeit

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