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Liebe Leserin, lieber Leser

Die Ungleichheit zwischen Menschen, sozialen Schichten, Nationen und Erdteilen ist eines der grossen Probleme der Menschheit. Zwar ist die Ungleichheit in der Schweiz, gemessen an der Höhe der Einkommen, vergleichsweise gering. Warum könnte sich die Lage der Deprivierten dennoch verschlechtert haben?

Zur Antwortsuche stellt uns der Ökonom Amartya Sen eine aufschlussreiche Denkfolie zur Verfügung: Wohlfahrt in der Gesellschaft ist nicht nur auf der Basis ökonomischer Kennzahlen wie dem Durchschnittseinkommen zu messen. Gleichermassen entscheidend ist laut Amartya Sen auch, inwiefern die Gesellschaft es den Menschen ermöglicht, ein Leben zu führen, das sie selbst wertschätzen. Für ihre Lebensführung verfügen die Menschen über sogenannte Capabilities, über Potenziale und Chancen. Die Herausbildung individueller Capabilities ist als wechselseitiger Prozess zwischen Gesellschaft und Individuum zu verstehen: Im ganzen Lebenslauf setzen Menschen ihre Potenziale um. Gleichzeitig sind sie aber – insbesondere in der Kindheit und Jugend sowie später im hohen Alter – auch auf Chancen angewiesen: Chancen auf Bildung, Arbeit, Betreuung usw. Die materielle Ausstattung bildet nur die Grundlage. Trotz wirtschaftlichem Wachstum kann Armut, so wie sie von Menschen individuell und kollektiv wahrgenommen wird, zunehmen. 

Der Capability-Ansatz enthält für die Soziale Arbeit einen mehrfachen Auftrag, nämlich die Arbeit mit Menschen an deren Lebensentwürfen sowie die Arbeit zur Verbesserung der Chancen in Gesellschaft und Wirtschaft. In ihrem Kerngeschäft Beratung unterstützen Sozialarbeitende Klientinnen und Klienten dabei, Ressourcen zu nutzen, um Lebensentwürfe zu entwickeln oder zu stabilisieren. Sie helfen ihnen, Chancen zu erkennen und zugänglich zu machen. Wenn Institutionen und Angebote weiterentwickelt werden, behalten sie die Potenziale der Klientinnen und Klienten im Auge, im Hinblick auf deren Chancen auf ein lebenswertes Leben. 

Der Capability-Ansatz ermöglicht ein umfassendes Verständnis von Armut und Deprivation. Sich damit auseinanderzusetzen ist für die Soziale Arbeit lohnend.

Prof. Dr. Dieter Haller
Leiter Abteilung Master und Projektleiter

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